Unter dem Schlagwort #NewWork verbirgt sich ein Bedürfnis, das Konzept von „Arbeit“ zu überdenken und an neue Anforderung von Gesellschaft und individuellem Lebensglück anzupassen – und das stellt viele Unternehmen vor Herausforderungen

Konstante Veränderung

Haben Sie schon einmal was von einer Purpose-Driven Organzation gehört? Oder Holacracy? Sind bei Ihnen im Unternehmen schon diverse „Culture Initiatives“ am Laufen und haben Sie schon einen CDO Chief Diversity Officer? Sie sehen schon: Wir können Schlagwörter…

Neben all diesem Schein schöner Begriffe gibt es aber auch ein darunterliegendes, wichtiges Sein – nämlich die Herausforderung, dass sich nicht nur beschreibende Worte, sondern auch das Verständnis von Arbeit verändert. Und zwar derzeit in einem Umfang, den es vermutlich zuletzt während der Industrialisierung gegeben hat. 

Eine Sache scheint dieses Mal allerdings etwas anders – ohne den direkten Vergleich zu haben (denn wer von uns war damals schon live dabei): Die Rolle der Gesellschaft. Damals schien hauptsächlich technische Innovation eine Veränderung der Wirtschaft und Gesellschaft zu bewirken. Und natürlich ist auch heute noch ein Teil des aktuellen Wandels auf technischen Fortschritt zurückzuführen – und „Early Adopters“, „Tech Evangelists“ und „Chief Innovation Officers“ preisen das Heil in Form von Digitalisierung, Robotik, AI/ML, NLP, AR/VR, Voice, Blockchain, IoT, etc. (noch mehr Schlagwörter). Aber diese Technik entwickelt sich seit Jahrzehnten schon exponentiell weiter und es gibt keinen klaren Quantensprung wie die Einführung von Maschinen und Fabriken, die den Ruck erklären, der im Moment durch die Gesellschaft zu gehen scheint.  Und selbst das komplexe Zusammenspiel mehrerer exponentiell verlaufenden Veränderungen – neben der Technik auch in der Umwelt (z.B. Klimawandel, geopolitische Unruhen) und in der Wirtschaft (z.B. globale Lieferketten, Homeoffice) – sind nicht der alleinige Treiber.

Einflussfaktoren für Veränderung

Ein eigenständiger starker Impuls für Veränderung kommt aus der Gesellschaft selbst, als ein Kollektiv mit gerade sehr stark wachsenden individuellen Bedürfnissen nach einem erfüllenden, sinnstiftenden und nachhaltigen Leben – und der Neuausrichtung der Arbeit darin. Ein wichtiger Katalysator hierfür war und ist sicherlich Covid-19, aber die tieferliegende Sehnsucht nach Sinn und Klarheit schwelt schon deutlich länger – und stellt Unternehmen vor spannende Herausforderungen, um Kunden, Mitarbeiter und Stakeholder langfristig an sich zu binden und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Wandel der Gesellschaft

Was treibt gerade jetzt unsere Gesellschaft so sehr in einen Wandel? Die kurze Antwort ist wohl, dass es keine kurze Antwort darauf gibt. Einerseits liefern Millennials und Generation Y große Fragen nach dem WARUM in einem fortschreitenden demographischen Wandel. Dann erleben wir eine Pandemie, die uns eine – für die meisten unbekannte – Überlebensangst um Gesundheit und Wohlstand spüren lässt. Wir sehen politische Akteure, die anachronistisch wirken und ein friedliches, globales Zusammenleben aufs Spiel setzen – und das nicht in der dritten Welt, sondern in den „am meisten“ entwickelten Ländern. Die Grundlagen für Verständigung und Dialog scheinen verloren zu gehen: gegenseitiger Respekt, Integrität, die Verlässlichkeit auf Fakten oder irgendeinen gemeinsamen Nenner. Die Sprache verroht und jegliche Vielfalt in Form von Meinungen, Herkunft, Glaube, Geschlecht, usw. wird entweder vereinheitlicht oder polarisiert und popularisiert. Wir sehen Bilder von infernalen Waldbränden und sinnflutartigen Überschwemmungen…

All diese Beispiele führen zu einer bisher nie da gewesenen Komplexität der Welt, die uns individuell und kollektiv überfordert. Aber trotz aller Sorgen durch diese Komplexität, hat sie auch etwas Positives: Wir sehnen uns nach den einfachen, den klaren und wichtigen Dingen. Nach Sicherheit, nach menschlicher Nähe, danach einen Sinn in Allem zu erkennen – wenn schon nicht in der Welt um uns herum, dann zumindest für uns selbst.

„Die fehlende Orientierung in der Komplexität der Welt lässt uns nach Klarheit und Sinn im Inneren suchen.“

Und so tauchen neben den hashtags für einzelne Themen (#blacklivesmatter, #metoo, #diversity, #inclusion, etc.) auf einmal in der aktuellen Sinus Studie für Jugendliche lange als „spießig“ geglaubte generische Werte wieder auf, wie Gesundheit, Sicherheit, Freunde und Familie. Und über alle Generationen hinweg scheinen die Erkenntnisse der alten Philosophen zu einem glücklichen, erfüllten Leben eine Renaissance zu erleben: Nachhaltigkeit, Sinn, Verantwortung, Gemeinschaft.

Google Suchtrend für Nachhaltigkeit (Sustainability) seit 2018

Der Einfluss auf Unternehmen

Was bedeuten diese Veränderungen für Unternehmen? Die raschen Veränderungen in der Technik, Umwelt und Wirtschaft zwingen Unternehmen schon seit einer Weile zu einer kontinuierlichen Innovation. Doch nun kommt sozusagen „des Pudels Kern“ hinzu – ein Wandel individueller Bedürfnisse und kollektiver Werte in der Gesellschaft. Es reicht nicht mehr, ein innovatives Unternehmen zu sein, das profitabel arbeitet. Ein Unternehmen muss sich Gedanken über Charakter, Werte, Emotionen und andere menschliche Züge machen, um von allen relevanten Stakeholdern angenommen zu werden. 

Wie schafft man es als Unternehmen, Verantwortung für eine nachhaltige Gesellschaft zu übernehmen, Mitarbeiter zu binden, Kunden zu überzeugen und Shareholder zufrieden zu stellen? Wie gelingt die „triple bottom line: People, Planet, Profit“?

Die Kosten für ein Missachten liegen hoch: immer mehr Kunden entscheiden sich für nachhaltig hergestellte Produkte, Mitarbeiter die keine emotionale Bindung zu Ihrem Unternehmen haben erzeugen volkswirtschaftliche Kosten die in Deutschland von Gallup auf bis zu 105 Mrd. jährlich geschätzt werden und selbst professionelle Anleger zeigen ein wachsendes Interesse für ESG (Environmental, Social, and Governance), SRI (Socially Responsible Investing) oder sogenanntes Impact Investing. Und immer mehr Firmen folgen bekannten Beispielen, die jenseits der profit bottom-line denken, wie Unilever, Patagonia, Tesla, Beyond Meat, etc.

Die Herausforderung ist, dass jeder Versuch, das Ergebnis für eine Gruppe von Stakeholdern zu optimieren, oft zu einem Tradeoff gegen andere führt. Es braucht einen gemeinsamen Nenner, der für alle Stakeholder Wert schafft – und der am nächsten liegende Kandidat dafür ist „Purpose“. Wenn Mitarbeiter tieferen Sinn in der Aufgabe jenseits von Gehalt und Status erkennen, steigt die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Unternehmen zu identifizieren und längerfristig zu engagieren. Gekoppelt mit einer positiven Unternehmenskultur steigert das die Produktivität, Arbeitsqualität, und beschleunigt Innovationen. Das wiederum spüren Kunden, was Shareholder glücklich macht. Und ein nachhaltig ausgerichtetes Unternehmen mit einer sinnstiftenden Mission, übernimmt automatisch auch mehr gesellschaftliche Verantwortung.

Natürlich sind diese Zusammenhänge vereinfacht und bergen Risiken, aber wir kennen keinen alternativen Ansatz, der ähnlich effektiv alle Stakeholder-Interessen vereint, wie eine Purpose-Driven Organization. Und in der Wirtschaftsforschung finden sich auch Belege für nachhaltige Wettbewerbsvorteile von solchen Unternehmen (siehe z.B. die „Firms of Endearment“ von Raj Sisodia et al.).

Purpose-Driven Organizations

Soweit die Theorie, doch was ist denn nun eine Purpose-Driven Organization (PDO)? Wir definieren diese wie folgt: 

„Eine Purpose-Driven Organization schafft es, die Interessen aller Stakeholder über einen gemeinsamen Purpose und eine sinnstiftende Unternehmenskultur nachhaltig zu bündeln.“

Purpose kann man nicht top-down erzwingen, aber es gibt viele Stellschrauben, um den Wandel zu einer PDO zu fördern. Es braucht dazu ein abgestimmtes Vorgehen auf drei verschiedenen Ebenen:

  • Auf der Unternehmensebene als Company Purpose, der stimmig in die Leitlinien des Unternehmens integriert ist (Vision, Mission, Strategie und Werte) und sich in Struktur und Prozessen widerspiegelt 
  • Auf der Ebene der Teams, durch Förderung von Zusammenarbeit anhand gemeinsam entwickelter Werte, Stärken und Team Purpose, sowie mit einer sinnstiftenden Mitarbeiterführung (Purpose-Driven Leadership)
  • Auf der Ebene einzelner Mitarbeiter, die in Ihrer persönlichen und professionellen Entwicklung gefördert werden und Ihren individuellen Purpose bzw. tieferen Sinn im Leben und Beruf erkennen
3 Ebenen einer Purpose-Driven Organization

Fast alle Unternehmen haben zumindest einen impliziten Company Purpose oder eine Mission, die das Potential für tieferen Sinn birgt. Die spannende Frage ist, ob dieser allerdings noch zu den geänderten Anforderungen der Gesellschaft passt – und ob er von den Mitarbeitern auch so verstanden, geteilt und gelebt wird. Nach unserer Beratungserfahrung haben insbesondere Traditionsunternehmen, inhabergeführte Mittelständler sowie Firmen, die nach Konzepten wie Graves Values bzw. Spiral Dynamics noch auf „älteren“ Entwicklungsstufen arbeiten, oft einen Bedarf für Neuorientierung. 

  • Auf der Unternehmensebene lässt sich eine Neu-Kalibrierung schwer vereinheitlichen und bedarf meist einer individuellen Beratung
  • Auf der Teamebene lässt sich die Förderung von Zusammenarbeit und Entwicklung von Team Purpose allerdings durch bewährte Konzepte aus der Forschung und Praxis zu einem gewissen Grad standardisieren. Ein gutes Beispiel für ein strukturiertes Teamseminar ist unser 1 bis 2-tägiges zentor Purpose Bootcamp
  • Ebenfalls auf der Teamebene Bedarf es einer sinnstiftenden Mitarbeiterführung, die durch eine Kombination aus Purpose Bootcamp und Coaching von Führungskräften hinsichtlich eines Purpose-Driven Leadership fördern lässt
  • Auf der Ebene des individuellen Purpose lassen sich so große Konzepte wie individuelle Erfüllung und Sinn des Lebens schwer in einem Tagesseminar beantworten. Daher haben wir auf Basis wesentlicher Erkenntnisse der Glückforschung einen mehrwöchigen interaktiven Onlinekurs entwickelt, der in 12 Einheiten bequem von zuhause die Suche nach individuellem Purpose begleitet und die Grundlage für erfüllte und engagierte Mitarbeiter legt.

Die einzige Konstante im Leben ist der Wandel. Dies scheint in der heutigen Zeit großer Veränderungen in der Gesellschaft mehr denn je zu gelten. Um als Unternehmen damit Schritt halten zu können und neben gesellschaftlicher Verantwortung auch langfristig attraktiv für Mitarbeiter, Kunden und Shareholder zu bleiben, braucht es eine Veränderung innerhalb vieler Organisationen. Das Konzept der Purpose-Driven Organizations liefert hier wichtige Erkenntnisse und Ansätze, damit dieser Wandel gelingen kann.


Quellen und weiterführende Literatur: