Warum uns manche Dinge wie die Schwerkraft herunterziehen – und wie wir uns vielleicht doch von ihnen lösen können. 

Auf den Kopf getroffen

Isaac Newton fragte sich um 1660 in einem nordenglischen Garten – angeblich sogar mit einer Beule auf dem Kopf: „Warum fiel der Apfel stets senkrecht zu Boden […] Warum fiel er nicht seitwärts oder aufwärts?“ Der Grund müsse sein, dass die Erde ihn anziehe, dass in der Materie eine ziehende Kraft liege.

Es ist dabei nicht unbedingt immer ein (sprichwörtlicher) Apfel, der uns Kopfschmerzen bereitet – doch gibt es in unserem Leben oft Herausforderungen oder Probleme die immer wieder zum gleichen Ergebnis führen, nicht seitwärts, nicht aufwärts sondern immer nach unten, da wo es schmerzt.  Die Beförderung, die wir nicht bekommen, die Musikerkarriere, die wir doch nie verfolgt haben (aber gerne hätten!), die Suche nach Anerkennung, die einfach nicht kommt…

Manche Dinge werden einfach nie geschehen oder immer daneben gehen. Egal wie sehr wir uns anstrengen, aufregen und unter Stress setzen, wir können das Ergebnis einfach nicht beeinflussen – das Problem fällt uns immer wieder vor die Füße, wie der Apfel durch die Schwerkraft. Und je mehr wir es versuchen, umso gestresster und unglücklicher werden wir dabei. Die einzige Lösung die übrig bleibt ist, das Ziel oder Ergebnis als nicht kontrollierbar zu akzeptieren und es nicht mehr zu versuchen.

Bill Burnett und Dave Evans, die zwei Stanford Professoren und Begründer des “Designing your Life” Konzeptes, sprechen in diesem Zusammenhang daher auch von “Gravity Problems”, also Schwerkraft-Problemen. Darunter verstehen sie Situationen, die wir ständig zu ändern versuchen und für die wir einfach keine Lösung finden – weil wir das Problem gar nicht beeinflussen können. So sehr wir uns anstrengen, die Erdanziehung lässt sich zumindest auf der Erde von uns nicht ausschalten.

Cat Jump Fail GIF - Find & Share on GIPHY
Quelle: Giphy.com

Nur selten ist ein Problem aber so offensichtlich ein “Gravity Problem” wie bei der Schwerkraft. Wir können uns z.B. für einen neuen Job bewerben und sind objektiv vielleicht perfekt geeignet – wenn allerdings die Position nur formal ausgeschrieben ist und intern schon besetzt wurde, haben wir keine Möglichkeit, die Entscheidung zu beeinflussen.

Einflussbereiche

Wie finden wir heraus, ob etwas, das uns regelmäßig stresst evtl. außerhalb unseres Einflussbereichs liegt, also ein Gravity Problem ist, oder ob wir es beeinflussen können?

Lassen Sie uns das ganze einmal an einem Beispiel betrachten: Angenommen Sie hätten gern Rückbestätigung von Ihrem Chef für die gute Arbeit, die Sie leisten. Und Sie bekommen die Aufgabe, eine wichtige Präsentation vorzubereiten. Sie legen sich also ins Zeug und liefern eine hervorragende Präsentation ab. Aber: Es kommt kein Lob, keine Bestätigung, keine Rückmeldung. Die übliche Reaktion – insbesondere von eher leistungsorientierten Menschen – ist eher unsicher zu werden, ob die Präsentation wirklich so gut war und sich folglich für die nächste Präsentation noch mehr anzustrengen in der Hoffnung, dass dann endlich eine positive Bestätigung kommt. Daraus entsteht häufig eine Endlosschleife bis wir entweder unter zu viel Stress zusammenbrechen oder unseren Chef zu einer Rückmeldung zwingen – die sich dann allerdings falsch anfühlt; denn Sie hatten ja eigentlich ein ungefragtes, proaktives Lob von Ihrem Chef erwartet.

Ist das nun ein Gravity Problem oder nicht – können Sie Ihren Chef beeinflussen?

Sie können natürlich Ihre Leistung beeinflussen. Aber wenn es anderen ähnlich wie Ihnen geht, verteilt dieser Chef vielleicht grundsätzlich nie (ungefragt) Lob. Sie können also nie eine echte Anerkennung Ihres Chefs bekommen, so sehr Sie sich auch anstrengen.  Folglich ist die Suche nach Anerkennung ein Stressauslöser für Sie, den Sie nur dadurch beeinflussen, indem Sie Ihre Erwartung ändern und die Persönlichkeit Ihres Chefs durchschauen.

Um mit Stressauslösern besser umgehen zu können, sollten Sie wissen, was ein Gravity Problem ist oder was Sie wirklich beeinflussen können. Das geht z.B. mit einem Stress-Tagebuch, mit dem Sie wiederkehrende Muster erkennen können und Ihre sogenannten Stressoren danach unterscheiden, ob Sie veränderbar oder unveränderbar (Gravity Problem) sind.

Sollten Sie bei einigen Situationen unsicher sein, ob sie veränderbar sind oder nicht, helfen die folgenden Fragen:

  • Wieviel Einfluss habe ich wirklich in der Situation? Oder spielt Zufall eine Rolle?
  • Kann ich die Situation über Umwege beeinflussen (z.B. also über eine 3. Person)
  • Ist es mir schon mal gelungen, eine ähnliche Situation zu beeinflussen? Was war anders dabei?
  • Haben andere eine ähnliche Situation schon einmal gelöst? Wie?
Schweren Kräften entgegenwirken

Wenn Sie ein Gravity Problem erkennen, ist die große Herausforderung es zu akzeptieren – in vielen Fällen hilft es dabei schon, sich einfach klar bewusst zu machen, dass es nicht beeinflussbar ist. Und in anderen Fällen hilft es, nach einer Alternative zu suchen, die ein ähnliches Ziel oder Bedürfnis erfüllt – z.B. Anerkennung von Kollegen.

Wenn wir das schaffen, haben wir meist schon einen wichtigen Teil unserer Stressoren reduziert – und wir können uns auf die Stressoren konzentrieren, die wir auch wirklich beeinflussen können. 

Wie Sie Ihre Stressoren weiter reduzieren – und welche anderen bewährten Techniken beim Umgang mit Stress am besten funktionieren, erfahren Sie übrigens auch in unserem Onlinekurs Stressbewältigung und Prävention. Falls Sie also gerade mit viel Stress zu kämpfen haben, werfen Sie doch gern mal einen Blick in unseren Kurs – der übrigens von gesetzlichen Krankenkassen unkompliziert erstattet wird.

Und wenn sich Ihr Stress soweit auf einem gesunden Level hält, erlauben Sie uns trotzdem noch einmal den Tipp zum Abschluss: Auch wenn es banal erscheinen mag, versuchen Sie sich einmal an einem Stress-Tagebuch. Dies hilft Ihnen, Ihre Auslöser von Stress bewusster wahrzunehmen und diese zu unterschieden nach solchen die veränderbar sind und solche die eigentlich “Gravity Problems”, also unlösbare Probleme darstellen. Ziel ist es, Ihren Einflussbereich auf Dinge, die Sie stressen zu vergrößern und mit gezielten Ansätzen den beeinflussbaren Stress zu reduzieren.

Ausgewählte Literatur und Quellen:

  • Burnett, B. & Evans. D. (2006). Designing Your Life: How to Build a Well-Lived, Joyful Life. Knopf Verlag.
  • Covey, S. (1989). The Seven Habits of Highly Effective People, Simon & Schuster, UK
  • Stukeley, W. (1752). Memoirs of Sir Isaac Newton’s life. Retrieved from http://www.newtonproject.ox.ac.uk/view/texts/normalized/OTHE00001
Photo credit: Miguel Bruna auf Unsplash